Ein Herbst in New York
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ᐅ Ein Herbst in New York

Ein Herbst in New York

Ich versuche mich hier mal an einer Art Projekt. Da ich gerne Geschichten schreibe (Liebesgeschichten für Jugendliche), dachte ich mir, ich lade einfach mal ein Kapitel meiner aktuellen Geschichte hier hoch. Hoffentlich finden sich ein paar Leser! Viel Spaß :)

 

1. Kapitel

 

Es ist halb fünf und ich sitze mit Hazel am Tisch im Esszimmer. Meine Fingerspitzen tun weh. Den ganzen Nachmittag habe ich damit verbracht, Styroporkugeln anzumalen und sie auf Zahnstocher zu stecken. Dabei habe ich es ganze acht Mal geschafft, mir die spitzen Holzstäbchen direkt in die Haut zu stechen.

Ich würde Hazel ihr Astronomie-Projekt ja liebend gerne selbst machen lassen, allein schon aus erzieherischen Gründen, aber ich habe keine Lust, schon wieder einen Einlauf von Lydia zu bekommen. Zumal sie mir für morgen einen Urlaubstag versprochen hat.

„Wusstest du, dass es in den vereinigten Staaten die meisten Pferde auf der ganzen Welt gibt?“ Sie sieht von ihrer Zeitschrift auf- irgendeine aus der Sektion klischeehafte Illustrierte für junge Mädchen und wirft einen flüchtigen Blick auf ihr- ehrlicherweise gesagt: mein- Projekt.

„Nein, aber das ist sehr interessant, süße“, pflichte ich ihr bei. Ich halte im Grunde nichts von den Zeitschriften, die ihre Mutter ihr immer von der Arbeit mitbringt, aber immerhin liest sie so wenigstens ein kleines bisschen. Und das soll ja bekanntlich noch niemandem geschadet haben.

Ich stecke die letzte Kugel auf einen Zahnstocher und betrachte mein Werk. Ich kann nur hoffen, dass Lydia mit dem Ergebnis zufrieden sein wird, denn ich werde sicher einen Teufel tun, noch einmal von vorn zu beginnen- Urlaubstag hin oder her.

Ich schiebe das Konstrukt vorsichtig von mir weg und lasse mich seufzend in den Stuhl zurücksinken.

Plötzlich höre ich ein Wimmern vom anderen Ende des Apartments. Ich könnte heulen.

Manchmal frage ich mich, wieso ich ausgerechnet auf die Idee gekommen bin, damals eine Familie mit zwei Kindern auszusuchen. Als ob es nicht schon schwierig genug wäre, sich um ein Kind und beinahe den kompletten Haushalt zu kümmern. Aber mir war damals schließlich keine große Auswahl geblieben. Entweder die Hatchers in New York oder die Milborns in Redborn. Da ich bis heute nicht so genau weiß, wo sich dieses Redborn befindet, bin ich ziemlich sicher, letztendlich die richtige Entscheidung getroffen zu haben, aber meine Traumfamilie sind die Hatchers trotzdem nicht. Einfach ein wenig zu reich für meinen Geschmack. Versteht mich nicht falsch, ich denke nicht, dass es etwas Schlechtes ist, wenn ein Mensch reich ist. Ich finde es nur furchtbar, wenn man es ihm in der ersten Sekunde anmerkt. Teure Markenkleidung, der große SUV, der in dieser Stadt ungefähr so wenig verloren hat, wie ein Einhorn auf dem Mond, und nicht zuletzt das freundliche aber gleichzeitig überlegene Lächeln. Das ich-bin-etwas-besseres-und-das-weißt-du-auch-Schätzchen-Lächeln.

Das Wimmern wird lauter und ich erhebe mich endlich. Erschöpft laufe ich durch das gesamte Apartment und stoße schließlich Nathans Tür auf. Als er mich im Türrahmen stehen sieht, wird sein Geschrei noch lauter und ich beeile mich, ihn aus seinem Kinderbett zu heben und zum Schweigen zu bringen.

„Ist ja gut, Nate“, sage ich beruhigend und wippe ein paar Mal auf und ab. Er scheint das nicht gerade toll zu finden, denn er schreit einfach weiter. Direkt in mein Ohr.

„Hanna!“ Lydias Stimme tönt durch das Apartment. Die Erleichterung darüber, dass sie mich nun endlich ablösen wird vermischt sich mit dem schlechten Gewissen, das ich bekomme, weil sie ihren kleinen Sohn heulend und schreiend auf meinem Arm halte und keine Ahnung habe, wie ich es beenden kann. Für sie muss es bloß ein weiterer Beweis für die Unfähigkeit sein, die sie mir schon seit meinem ersten Tag hier unterstellt.

„Nathan, Darling“, ruft sie theatralisch und kommt mit ausgetreckten Armen auf mich zugelaufen. Mich würdigt sie dabei keines Blickes, nicht einmal ein kurzes Hallo rutscht ihr heraus, so sehr ist sie auf ihren Sohn fixiert.

„Beruhige dich, Darling. Mama ist doch jetzt endlich wieder da.“ Sie nimmt ihn mir aus den Armen und drückt ihn an sich. Mit ein wenig Genugtuung stelle ich fest, dass Nathan auch jetzt nicht aufhört zu weinen. Ich scheine also schon mal nicht die Einzige in diesem Haushalt zu sein, die nicht so ganz versteht, was eigentlich sein Problem ist und wie man es aus der Welt schaffen könnte.

„Hast du mit Hazel ihr Schulprojekt fertig gestellt?“, wendet sich Lydia nun an mich. Sie sieht gestresst aus, ein paar kleine Falten zeichnen sich auf ihrer Stirn ab. Wenn sie das sehen würde, bekäme sie einen Anfall.

„Es ist gerade fertig geworden“, antworte ich und verschweige in weiser Voraussicht, dass Hazel im Grunde überhaupt nichts mit ihrem eigenen Projekt zu tun hatte.

„Schön. Was ist mit der Uniform der Kinder? Hast du sie zur Reinigung gebracht?“

Ich nicke. Zwar bin ich immer noch nicht so ganz dahintergekommen, wie man auf die Idee kommt, Kleidung, die nicht einmal wirklich schmutzig ist, zur Reinigung zu bringen, wenn man sie auch einfach in die Waschmaschine hätte werfen können, doch Lydia scheint das etwas anders zu sehen, als ich. Sie ist der Meinung, dass für das Jahrbuchfoto ihrer Kinder jeder noch so kleinste Makel an ihrer strahlend weißen Uniform entfernt werden muss- und dass das nur eine spezielle Tiefentextilreinigung hinbekommt. Aber eigentlich kann es mir ziemlich egal sein, es ist ja schließlich nicht mein Geld, was sie mit solchen Aktionen zum Fenster hinauswirft.

Langsam hört Nathan auf zu weinen und sieht sich mit neu entdecktem Interesse an seiner Umgebung um. Ganz besonders das vierstöckige Parkhaus, das ihm Mr. Hatcher vor einer Woche mitgebracht hat, scheint es ihm plötzlich wieder angetan zu haben, denn er fuchtelt mit den Armen herum und stiert darauf. Lydia setzt ihn auf dem plüschigen Teppichboden ab und verzieht das Gesicht, als sie sich wieder aufrichtet.

„Hanna, tust du mir einen Gefallen und holst mir eine Kopfschmerztablette aus dem Medizinschrank? Ich habe heute wieder einen so furchtbar stressigen Tag gehabt…“ Ohne eine Antwort von mir abzuwarten dreht sie sich auf dem Absatz um und verlässt das Kinderzimmer.

Ich beeile mich, ihr ihre Tablette zu bringen, denn wenn Lydia Kopfschmerzen hat, dann sollte man sie unter keinen Umständen noch weiter reizen und stelle ihr ein Wasserglas auf den Couchtisch. Sie nimmt mir die Tablette aus der Hand und drückt sie aus der Verpackung. Ich habe vor kurzem erst neue gekauft, doch in letzter Zeit schluckt sie so viele von den Dingern, dass diese Packung auch schon so gut wie leer ist. Zwei Tage sollte sie noch durchhalten, dann werde ich wohl wieder neue holen gehen.

„Ist noch etwas wofür du mich brauchst?“, frage ich und hoffe, dass sie mich gehen lässt. Eigentlich war die Vereinbarung von Anfang an gewesen, dass meine Arbeitszeit beginnt, wenn sie und Mr. Hatcher morgens aus dem Haus gehen und endet, wenn sie wieder zurückkehren. Dass das nur für ungefähr eine Woche gehalten hat, hätte ich mir eigentlich auch vorher schon denken können. Welche Familia hält schließlich schon, was sie im Bewerbungsgespräch verspricht?

Lydia sieht mich an, als hätte sie diese Frage persönlich in ihren Gefühlen verletzt.

„Nein. Ist schon gut. Geh ruhig. Es ist ja schließlich dein wohlverdienter Feierabend.“ Den höhnischen Unterton in ihrer Stimme kann ich nicht überhören. Ich atme einmal tief durch und schlucke meinen Ärger herunter. Nur, weil ich nicht mal annähernd so viel verdiene wie sie, heißt das doch noch lange nicht, dass ich auch weniger leiste. Doch es hat keinen Sinn, mit Lydia darüber zu diskutieren, das weiß ich ganz genau.

„Ich werde nicht lange weg sein“, verspreche ich und hole meine Tasche aus dem Gästezimmer. Das war gelogen, ich würde wie jeden Tag alles tun, um möglichst viel Zeit außerhalb dieses Apartments zu verbringen.

Im Fahrstuhl begegne ich Mrs. Harris, einer Dame um die siebzig und wahrscheinlich die einzige nette Bewohnerin dieses Apartmentkomplexes. Sie hatte mich einmal zu sich in die Wohnung eingeladen, als ich mich ausgesperrt hatte und die Hatchers zu Besuch bei Familie in den Hamptons gewesen waren.

„Oh, Hanna, meine Liebe. Wie geht es dir?“, fragt sie mich, kaum geht die Aufzugstür auf und ich steige ein.

„Sehr gut, Mrs. Harris. Und Ihnen?“

Sie lächelt mich erfreut an und schüttelt den Kopf. „Ich kann nicht klagen. Ich habe den ganzen Nachmittag an der frischen Luft verbracht- so ein schönes Wetter wie heute hat man Ende September schließlich selten.“ Ihre Augen strahlen. Ich nicke zustimmend.

„Ich bin auch gerade auf dem Weg in den Central Park“, erkläre ich.

„Oh, dann musst du unbedingt an der Brücke vorbeischauen. Auf der Wiese daneben habe ich gerade eben noch diesen einen bekannten Autor gesehen. Wie heißt er noch gleich…“ Angestrengt denkt sie nach. In dem Moment kommt der Aufzug zum Stehen und die Türen gehen auf.

„Es fällt mir nicht ein“, sagt Mrs. Harris bedauernd. „Aber vielleicht erkennst du ihn ja, wenn du ihn dort siehst. Bestimmt kann er dir ein paar sehr interessante Tipps für dein Buch geben.“ Sie zwinkert mir zu und verabschiedet sich dann vor der Eingangstür von mir. Ich bedanke mich noch schnell für den Tipp und mache mich auf den Weg in Richtung Park.

Mrs. Harris ist die einzige Person in ganz New York, die von meinen Schreibversuchen weiß. Wir hatten viel Zeit, als ich an jenem Tag bei ihr zu Hause war und sie fragte mich nach dem Grund, wieso ich ausgerechnet nach New York gekommen war.

„Ich weiß es nicht“, hatte ich geantwortet und sie hatte bloß den Kopf geschüttelt.

„Das kann nicht sein. Du musst doch den Grund kennen, wieso du so gerne hierherkommen wolltest.“

Ich hatte mit den Schultern gezuckt und schließlich etwas verlegen geantwortet. „Na ja, ich schätze, ich habe mich nach der Atmosphäre gesehnt, die hier herrscht. Ich verfolge viele amerikanische Autoren und fast alle von ihnen haben schon einmal zeitweise hier gelebt und gearbeitet. Vielleicht hatte ich die Hoffnung, es würde meine Schreibkünste etwas voranbringen.“

Daraufhin hatte sie zufrieden genickt und mir von ihrem verstorbenen Ehemann erzählt, der einige Jahre lang sein Geld als Drehbuchautor verdient hatte.

Von ihr kannte ich nun die besten Plätze, um mich von der New Yorker Atmosphäre inspirieren zu lassen und in Ruhe schreiben zu können.

Der Park ist ziemlich voll, als ich ankomme und ich muss eine Weile lang suchen, bis ich schließlich eine freie Parkbank abseits der breiten Gehwege finde.

Ich setze mich auf das warme Holz und beobachte eine Weile lang die Szenerie um mich herum, bevor ich schließlich mein Notizbuch aus der Tasche hole.

Die orangefarbenen Blätter der großen Bäume wirken fast golden, im warmen Abendlicht der Sonne. Überall entdecke ich Jogger, Fahrradfahrer und Spaziergänger. Auf den Wiesen laufen Kinder umher und spielen mit ihren Eltern Fußball. Von dem Spielplatz in einiger Entfernung weht ausgelassenes Kinderlachen zu mir herüber.

Ich beobachte einen Mann, der mit seiner Tochter an der Hand über die Wiese läuft und unter den Kastanienbäumen stehen bleibt, um die glänzenden Früchte aufzusammeln. Das Mädchen bückt sich, um eine Kastanie aufzuheben und hält sie dann stolz ihrem Vater hin, damit er sie bewundern kann.

Flüchtig skizziere ich die Situation in mein Notizbuch, um sie später mit in einer Geschichte einzubauen.

In ein paar Metern Entfernung sehe ich ein junges Paar, das händchenhaltend den belebten Fußweg entlangschlendert. Der Mann sagt irgendetwas, woraufhin die Frau anfängt zu lachen und ihm kopfschüttelnd gegen den Arm haut. Er grinst und sieht sie mit einem solch liebevollen Blick an, dass sich mir unwillkürlich ein Lächeln ins Gesicht schleicht.

Ich notiere auch das in mein Buch und blättere dann die letzten Seiten durch. Es sind schon einige Eindrücke zusammengekommen, in den letzten Monaten. Seitdem ich im Sommer angefangen hatte, bei den Hatchers zu arbeiten, war ich so gut wie jeden Tag für ein paar Stunden nach draußen an einen belebten Ort gegangen und hatte mich dort hingesetzt, um die Leute zu beobachten. Nicht allein wegen Mrs. Harris‘ vieler Tipps, doch sie trägt sicherlich zu einem großen Teil mit dazu bei.

Genug Inspiration, um nun endlich einmal mit dem Romanschreiben zu beginnen, hatte ich eigentlich schon seit Wochen, aber irgendwie drücke ich mich bis heute davor. Ich glaube, ich habe einfach ein wenig Angst, die Stimmung so, wie ich sie wahrnehme, nicht rüberbringen zu können. Ich möchte den Zauber, den ich in den Momenten hier draußen erlebe, schließlich nicht zerstören. Nicht für mich und auch für sonst niemanden.

Doch heute möchte ich die Sache endlich angehen. Es bringt mir nichts, die ganze Zeit über nur Eindrücke zu sammeln und sie dann hinterher in meinem Notizbuch verstauben zu lassen. Ich will endlich etwas zu Papier bringen und der Welt mitteilen, was ich fühle, wenn ich an diesem Ort bin. Wie magisch diese herbstliche Stimmung sein kann.

Also stehe ich schon nach wenigen Minuten im Park wieder auf und mache mich auf den Weg ins Café.


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Ich bin der einzige Leser :(
Nikolax - vor 2 Monaten
Immerhin einer! XD Hat's dir denn gefallen? :)
Mali - vor 2 Monaten
Ja! Junge oder Mädchen? Also die Person in der Geschichte und du
Nikolax - vor 2 Monaten

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