KURZGESCHICHTE- Auf und Davon
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ᐅ KURZGESCHICHTE- Auf und Davon

KURZGESCHICHTE- Auf und Davon

Dies hier ist meine Geschichte, die ich beim Schreibwettbewerb für den Jugendförderpreis für Literatur zum Thema "von Aussteigern und Weltenbummlern" eingereicht und damit den zweiten Platz belegt habe. Viel Spaß beim Lesen! :)


 

Ich hasse sie. Ich hasse sie alle so sehr! Ich laufe unruhig in meinem Zimmer auf und ab und suche mit wütendem Blick nach irgend etwas, das ich zerstören kann. Wieso, zum Teufel, haben die mich überhaupt aufgenommen, wenn sie mich hier sowieso nicht gebrauchen können? Ich stürme zum Fenster und reiße es auf, weil ich vor lauter Wut plötzlich keine Luft mehr bekomme. Draußen scheint die Sonne. Was für eine Ironie. Alle die, die ein so wunderbar perfektes Leben haben, beklagen sich andauernd- und dann komme ich daher. Ganz allein, ohne Eltern, ohne jemanden, auf den ich mich wirklich verlassen, ohne jemanden, dem ich wirklich vertrauen kann… Ich hasse nicht nur sie- ich hasse mein gesamtes Leben.

 

Ganz leise summt mein Handy auf dem Nachttisch, aber ich habe so unruhig geschlafen, dass ich trotzdem davon aufwache. Ich werfe einen Blick auf das Display. Halb vier morgens. Innerhalb von Sekunden bin ich hellwach, springe aus dem Bett und ziehe meine alte Sporttasche unter dem Bett hervor, die mich schon mein halbes Leben lang bei all meinen Umzügen begleitet. Von Familie zu Familie, jedes Jahr. Kaum habe ich mich auf eine eingelassen, wollen sie mich wieder loswerden, weil sie urplötzlich merken, dass ein fremder Teenager, der sein halbes Leben lang in einem immer wechselnden Umfeld gelebt hat, vielleicht doch nicht so einfach ist, wie sie sich das vorgestellt haben. Mich überrascht es mittlerweile schon gar nicht mehr, wenn ich es erfahre. Wir haben einfach das Gefühl, dass wir dir im Moment nicht das bieten können, was du gerade brauchst, heißt es dann immer. Jedes Mal verpackt in andere Worte, doch immer mit der gleichen Bedeutung: Wir können hier niemanden gebrauchen, der Ärger macht. Wir haben keine Lust, uns mit so etwas wie dir herumzuschlagen. Ich weiß, wie es läuft und trotzdem bin ich so dumm gewesen zu glauben, dass es dieses Mal anders sein würde. Ich mochte Jan und Anne, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie mir mitgeteilt haben, dass sie sich trennen werden und glauben, dass ich lieber in einer intakten Familie leben sollte. Bis gestern Abend habe ich sie wirklich gern gehabt. Doch ich weiß, was nun kommen wird. Diese alte Frau vom Jugendamt wird kommen. Sie wird kommen und mir sagen, dass ich jetzt in einem Wohnheim untergebracht werde. Sie hat mir schon damals, als ich bei Anne und Jan eingezogen bin damit gedroht, dass sie nicht noch eine Familie für mich finden wird, wenn ich mich bei den beiden nicht benehmen kann. Aber ich habe keine Lust mehr darauf. Ich habe so etwas schon einmal mitgemacht und als ich dort wieder raus gekommen bin, habe ich mir geschworen, nie wieder auch nur einen Fuß in so ein Haus zu setzen.

Ich hieve die Tasche auf mein Bett und werfe noch schnell eine Hand voll Socken hinein, die ich beim Packen gestern vergessen habe, dann ziehe ich den Reisverschluss zu. Ich schnappe mir die Taschenlampe, die, wie immer, unter meinem Kopfkissen liegt, weil meine Nachttischlampe bei einem kleinen Ausbruch der Verzwiflung bei meinem Einzug vor einem Jahr draufgegangen ist und lasse ein letztes Mal meinen Blick durch das Zimmer schweifen. Ein bisschen werde ich das ganze hier schon vermissen, denke ich wehmütig und verlasse dann schnell das Haus, bevor ich es mir noch anders überlegen kann.

 

Die Straßen sind wie leergefegt. Die Laternen werfen ein warmes Licht auf den Gehweg, was trotzdem nichts an dem Kältegefühl ändert, das mir die Arme hochkriecht. Für September ist es erstaunlich kalt, vielleicht ist meine Idee, für die nächsten Wochen draußen zu schlafen, bis ich etwas Anderes gefunden habe, doch nicht so ganz durchdacht. Aber was soll ich machen? Mir bleibt wohl kaum etwas Anderes übrig. Mit schnellen Schritten mache ich mich auf in den Wald. Ich laufe an den neu gebauten Reihenhäusern vorbei, wo in jedem einzelnen von ihnen eine dieser glücklichen Bilderbuchfamilien lebt. Ich spüre, wie erneut die Wut in mir hochkocht und umklammere das Band meiner Sporttasche etwas fester. Ich erreiche den kleinen Pfad, der in den Wald hineinführt und zögere einen Moment. Es ist nicht so, als ob ich Angst hätte, aber irgendwie kommt es mir auf einmal nicht mehr ganz richtig vor, einfach abzuhauen und alle, vor allem Jan und Anne, in Unwissenheit zurückzulassen. Aber andererseits sind sie selbst schuld, dass es überhaupt so weit gekommen ist! Mit energischen Schritten stapfe ich weiter, die Taschenlampe auf den schmalen Trampelpfad gerichtet, den ich schon so gut kenne. Im vergangenen Jahr habe ich viel Zeit alleine in diesem Wald verbracht. Ich bin ein Naturbursche, wie Jan es immer ausgedrückt hat, ich brauche das einfach. Die frische Luft, den Geruch von Erde und Regen. Die Ruhe vor allem und jedem, wenn ich mal wieder von allen Menschen enttäuscht worden bin. Nach ein paar Minuten komme ich am Rand einer kleinen Lichtung an und leuchte mit der Taschenlampe umher. Der Schein bleibt auf einem kleinen Jägerhäuschen ruhen und ich setze mich wieder in Bewegung. Ich bin schon oft in dieser Hütte gewesen. Offenbar wird sie nicht mehr benutzt, denn ich habe noch nie jemanden darin gesehen, außerdem ist das Holz an den meisten Stellen schon ziemlich verrottet. Ich glaube kaum, dass sich da noch jemand anderes außer mir hineintraut. Ich klettere die morsche Leiter hoch und drücke die Tür auf. Sie klemmt etwas, aber mit einem leichten Tritt dagegen lässt sie sich öffnen. Ich gehe ins Innere und ziehe die alte Isomatte aus meiner Tasche, die gerade so hineingepasst hat und breite sie auf dem Boden aus. Dann lege ich einen großen Pullover an das Kopfende und hole eine dünne Decke heraus. Eigentlich hätte ich bei diesen Temperaturen eine dickere gut gebrauchen können, aber die hat nicht mehr in die Tasche gepasst. Ich schicke ein stilles Stoßgebet zum Himmel, dass ich morgen wieder aufwachen und nicht erfroren sein werde und lege mich dann schließlich hin. Das letzte was ich höre, sind kleine Regentropfen, die leise auf das Dach fallen.

 

„Hey, wach auf! Das hier ist kein Kinderspielplatz, das ist Privateigentum!“ Ich schrecke hoch.

„Was?“, frage ich verwirrt und verstehe für einen Moment die Welt nicht mehr.

„Was willst du hier?“, fragt die Stimme barsch. Ich drehe mich um und stehe hastig auf. Ein großer Mann mittleren Alters steht vor mir, mit einem Gewehr in der Hand! Reflexartig hebe ich die Hände und trete einen Schritt zurück, stolpere dabei jedoch fast über mein Nachtlager, weshalb ich lieber wieder stehen bleibe.

„Keine Angst, ich erschieße dich schon nicht“, sagt der Mann und es hört sich fast so an, als mache er sich über mich lustig. Aber was soll ich denn schon machen, wenn mir gegenüber ein Riesentyp mit Knarre steht? Genz sicher keinen Smalltalk, so viel steht fest.

„Ich hab nur hier übernachtet“, beantworte ich seine Frage und lasse die Hände langsam sinken.

„Ja, das hab ich wohl gesehen.“ Aufmerksam mustert er mich und ich kann nicht anders als zurück zu starren. Mein Blick wandert zu dem Gewehr, dann wieder zu ihm zurück.

„Und wieso hast du hier übernachtet?“, fragt der Typ mich ungeduldig und ich höre ein Bellen von unten. Ich werfe einen schnellen Blick hinunter und sehe einen schwarzen Hund am Ende der Leiter sitzen, der offenbar darauf wartet, dass sein Herrchen wieder runterkommt. Weglaufen ist also schon mal keine Option, was angesichts des Gewehres aber sowieso ziemlich lebensmüde gewesen wäre.

„Ich…“, setze ich an, ohne wirklich zu wissen, was ich sagen will. Du darfst dich jetzt auf keinen Fall verraten! Dann liefert er dich persönlich beim Jugendamt ab und du hast noch mehr Ärger als sowieso schon, rede ich mir ein.

„Ich dachte die Hütte hier steht leer. Ich war schon öfter hier und habe nie jemanden gesehen, deswegen… Ich… Ich wollte einfach mal im Wald übernachten. Und ich habe kein Zelt. Deshalb. Deshalb habe ich hier geschlafen.“ Wow, das war wahnsinnig glaubwürdig, Jonathan, wirklich gut gemacht… Offenbar scheint der Typ das gleiche zu denken, denn er sieht mich einen Moment lang so an, als ob ich bescheuert wäre.

„Und deine Eltern wissen davon, ja?“

„Ja“, versichere ich hastig und nicke. Ich muss unbedingt ein bisschen entspannter wirken, sonst merkt er ja gleich, dass irgendwas nicht stimmt.

„Die sind damit einverstanden. Ich habe ihnen von der Hütte erzählt und weil sie, wie ich, dachten, sie stünde leer, haben sie es mir erlaubt.“

„Wie heißt du?“, fragt der Mann mich plötzlich, als er eine Weile geschwiegen und mich nur skeptisch angesehen hat.

„Jonathan.“

„Ich bin Andreas.“ Er reicht mir seine große Hand und etwas verblüfft ergreife ich sie.

„Hör mal zu, Junge. Ich mache dir einen Vorschlag: Du hilfst mir, die Tür zu reparieren, die du hier kaputt gemacht hast und die Hütte wieder einigermaßen brauchbar zu machen und dafür kriegen du und deine Eltern von mir keinen Ärger wegen dieser ganzen Sache hier.“ In seiner Stimme schwingt ein versöhnlicher Ton mit.

„In Ordnung“, sage ich und zucke betont gleichgültig mit den Schultern, obwohl ich jubeln könnte, dass er mich nicht an irgendjemanden verpfeifen wird. Andererseits bedeutet das auch, dass ich erst einmal für die nächsten Tage hier festsitze. Eigentlich wollte ich heute weiter, in irgendeine andere Stadt, schließlich werden Anne und Jan nach mir suchen, wenn sie bemerken, dass ich nicht mehr da bin, aber was soll ich machen. Wegrennen ist bei diesem Typen, wie gesagt, definitiv keine Option.

„Aber nur unter der Bedingung, dass ich dann noch weiter hier schlafen darf.“

Andreas sieht mich einen Moment lang mit dem Anflug eines Grinsens an. Es sieht fast so aus, als würde ein bisschen Respekt, dafür, dass ich in meiner Situation sogar noch etwas fordere, in seinem Blick liegen.

„Du hast aber doch keinen Ärger zu Hause, oder?“, versichert er sich und seine Stimme klingt schon etwas weicher.

„Nein, natürlich nicht.“

„Na, dann von mir aus.“

 

Keine zwei Stunden später stehen wir erneut vor dem Jägerhochsitz, nachdem wir im Baumarkt ein paar Dinge eingekauft haben, mit denen wir diese in die Jahre gekommene Konstruktion hoffentlich noch retten können. Andreas hat mich damit beauftragt, die Holzbretter zurecht zu sägen, mit denen wir die alten ersetzen wollen und ich mache mich schweigsam an die Arbeit. Einerseits bin ich froh darüber, dass er mich nicht verraten wird und ich weiterhin hier schlafen darf, allerdings ist es jetzt schon ziemlich kühl draußen, besonders nachts- und wir haben erst Anfang Herbst. Ich habe keine Ahnung, was ich wohl im Winter machen werde, nur um nicht in diesem beschissenen Wohnheim leben zu müssen. Ich sollte mir schleunigst etwas einfallen lassen, ansonsten sieht es wohl nicht gut aus für mich.

„Nicht schlecht“, bemerkt Andreas plötzlich und reißt mich damit aus meinen trüben Gedanken. Er zeigt auf die Holzbretter, die nebeneinander aufgereiht auf dem feuchten Waldboden liegen. „Du bist ganz schön schnell, Junge. Wenn du so weitermachst, haben wir das ganze heute Nachmittag erledigt.“ Er klopft mir anerkennend auf die Schulter und ich kann nicht verhindern, dass ein leichter Anflug von Stolz in mir aufsteigt.

Wir brauchen nicht einmal drei Stunden, dann erstrahlt der Hochsitz in neuem Glanz. Und das Beste daran: Ich habe für heute Nacht auf jeden Fall schon einmal einen Schlafplatz. Nachdem wir der Außenseite die letzte Schicht brauner Farbe verpasst haben, machen wir es uns in dem Hochsitz gemütlich. Andreas hat unterwegs ein paar Fertigsandwiches gekauft und hält mir nun eines davon hin. Dazu trinken wir warmen Tee aus einer Thermoskanne, die er noch vom Morgen im Auto hatte.

„Hör mal, Jonathan… Ich glaube, wir beiden sind uns gar nicht so unähnlich. Als ich in deinem Alter war, da habe ich auch immer sehr viel Zeit draußen verbracht. Ich habe aber auch ziemlich viel Mist gebaut. Nichts großartiges, einfach irgendwelche Streiche oder andauernd Auseinandersetzungen mit meinen Eltern.“ Ich sehe ihn verständnislos an. Was, um alles in der Welt, will er mir denn damit sagen? Er scheint zu merken, dass ich nicht ganz hinterherkomme, denn er nimmt noch einen Schluck von dem Tee und mustert mich einen Moment lang, bevor er weiterspricht: „Ich glaube dir nicht, dass du freiwillig hier draußen übernachtest. Nicht, dass es nicht schön hier wäre, in der zugigen alten Hütte, in die es reinregnet und wo überall Ameisen die Wände hochkrabbeln.“ Ich schmunzele verhalten, vermeide es aber, ihn anzusehen. Er ist wirklich ein netter Typ, aber ich fühle mich trotzdem nicht wohl dabei, ihm von meiner Geschichte zu erzählen. Es ist nicht so, als ginge es mir darum, dass es mir zu privat ist… Ich habe vielmehr das Gefühl, dass meine gesamte Vergangenheit nur so „Versager“ schreit und aus irgendeinem Grund habe ich Angst, dass auch Andreas so von mir denken könnte. Ich weiß, das ist seltsam, wenn man bemerkt, dass ich ihn erst seit ein paar Stunden kenne, aber trotzdem.

„Du musst mir den Grund nicht sagen“, fährt er fort, als er merkt, dass ich keine Anstalten mache, ihm irgendetwas zu erzählen, „du darfst auch weiterhin hier übernachten, selbst, wenn du es mir nicht sagen willst. Ich will dich zu nichts zwingen. Aber ich rate dir, das schnell wieder in Ordnung zu bringen, bevor es so kalt wird, dass du hier nicht mehr bleiben kannst. Außerdem brauchst du doch noch viel mehr als einen trockenen Ort zum Übernachten. Was ist mit Essen, Trinken, einer Dusche, einem Platz, an dem du deine Hausaufgaben machen kannst? Hattest du vor, nicht mehr in die Schule zu gehen, bis sich alles wieder geregelt hat?“

Ich merke, wie Tränen in meinen Augen hochsteigen und meine Wangen hinunterrollen. Er hat keine Ahnung, was bei mir los ist! Er hat keine Ahnung, dass sich das nicht einfach so wieder einrenken wird! Es wird nie wieder normal werden, nie wieder so wie früher! Ich drehe beschämt mein Gesicht weg und balle meine Hände zu Fäusten. Er hat keine Ahnung- und trotzdem: Er weiß genau so gut wie ich, dass das, was ich hier gerade mache, nicht gut gehen kann.

„Es ist ja nicht einmal meine Schuld!“, bricht es plötzlich aus mir heraus und ich bin selbst erschrocken darüber.

„Was ist nicht deine Schuld?“, fragt Andreas ruhig. Ich starre finster nach draußen und sehe Sprinter, seinen Hund, hinter ein paar Vögeln hinterherjagen.

„Dass sie mich immer hin und her schieben. Ich wäre auch lieber in meiner kleinen, heilen Welt bei meinen Eltern geblieben, das könnt ihr mir verdammt noch mal alle glauben!“ Andreas sieht mich schweigend an und senkt den Blick. Ich weiß nicht, ob er meine Situation verstanden hat, aber so wie er mich jetzt ansieht, kann es gar nicht anders sein.

„Das tut mir wirklich leid für dich, ehrlich. Und soll ich dir mal was sagen: Wir sind und sogar noch ähnlicher, als ich gedacht habe...“ Ich sehe ihn verständnislos an und versuche, den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken, der sich während der letzten Minuten darin gebildet hat.

„Meine Mutter war eine tolle Frau. Sie war immer gut gelaunt, so liebevoll… Sie hat mir gezeigt, dass man auch mit wenig Geld so glücklich sein kann, dass das Leben das reinste Paradies ist. Ich habe sie geliebt, so sehr, wie keinen anderen Menschen auf der ganzen Welt. Aber mein Vater war ein verdammter Mistkerl. Er hat sie herumkommandiert, runtergemacht, geschlagen… Als sie, als ich gerade acht Jahre alt war, dann schließlich an einem Herzfehler gestorben ist, hat er nicht einmal eine einzige Träne verdrückt. Seine einzige Sorge war, wer sich nun für ihn aufopfern und ihn Tag und Nacht bedienen würde…“ Sein Gesicht ist die reinste Leinwand. Wut, Schmerz, Enttäuschung, Schuldbewusstsein… Ich wusste nicht, dass ich fähig bin, so etwas von einem menschlichen Gesicht abzulesen, aber ich kann so sehr nachempfinden, wie er sich gefühlt haben muss. Wie er sich immer noch fühlt, jeden einzelnen Tag…

„Als es ihm zu langweilig wurde, seinen ganzen Frust an mir auszulassen, hat er dann schließlich angefangen zu trinken. Was dann passiert, ist ja allgemein bekannt. Er wurde noch aggressiver und irgendwann haben meine Großeltern mich geholt. Ich mochte sie nicht besonders, aber immerhin waren sie nett zu mir und haben für mich gesorgt. Ich kann mir heute ganz gut vorstellen, was es für sie bedeutet haben muss, für noch einen Esser mehr in der Familie zu sorgen und sich mit den Problemen herumzuschlagen, die ich mitbrachte. Vielleicht war das auch der Grund, wieso beide schon so früh gestorben sind. Ich war nicht einmal zwei Jahre bei ihnen. Mit zehn kam ich dann in ein Kinderheim. Es war immer noch besser, als zu Hause, aber ich habe mich nie wirklich wohl dort gefühlt. Damals hatten sie auch nicht unbedingt die sanftesten Methoden uns gegenüber, ich weiß nicht, wie das heute ist.“

Er verstummt und sieht mich schweigend an. Ich stütze meine Ellbogen auf meinen Knien ab und betrachte angestrengt die neuen Nägel im Boden, nur um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen.

„Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Ich saß mit im Wagen und war sechs Jahre alt. Ich hatte gerade einen Wutanfall, weil wir bei McDonald’s gehalten haben und ich das falsche Spielzeug in meiner Box hatte. Ich habe geschrien und meine Mutter hat sich die ganze Zeit zu mir umgedreht, um mich zu trösten. Mein Vater war gereizt, er hatte diese typische Steilfalte zwischen den Brauen, die er immer hatte, wenn er versuchte, sich zu beherrschen, nicht zu meckern. Verrückt, woran man sich so alles erinnert… Jedenfalls hat es dann plötzlich einen lauten Knall gegeben und alles um mich herum hat sich gedreht. Ich habe nur noch das Schreien meiner Mutter gehört. Das ist das letzte, was ich von ihr in Erinnerung habe.“

Andreas sieht mich betroffen an und legt seinen kräftigen Arm um meine Schulter.

„Manchmal denke ich, es war meine Schuld. Hätte ich nicht so geschrien, hätte ich mich einmal in meinem Leben mit dem zufriedengegeben, was ich hatte -“

„Das darfst du nicht denken!“

„Aber es ist doch so! Es ist meine Schuld. Wäre mein Vater nicht so abgelenkt gewesen…“

„Nein.“ Seine Stimme ist laut und bestimmt und ich zucke unwillkürlich zusammen.

„Es ist nicht deine Schuld. Niemand trägt dafür die Schuld. Das ist das Leben und manchmal ist das Leben eben ein verdammtes Arschloch.“

Mir laufen wieder Tränen über die Wangen, aber dieses Mal fühlt es sich anders an. Es ist das erste Mal seit dem Unfall vor zehn Jahren, dass mir jemand sagt, dass ich nicht die Schuld an all dem trage, was passiert ist. Der Blick der anderen… Sie haben es zwar nie ausgesprochen, aber dieser stumme Blick, nachdem die Frau vom Jugendamt ihnen alles nötige über mich erzählt hat… Dieser Blick spricht Bände.

„Wo wohnst du denn überhaupt im Moment?“, fragt Andreas und zündet sich eine Zigarette an. Dann wirft er einen verächtlichen Blick darauf, nimmt sie wieder aus dem Mund, macht sie aus und stopft sie in seine Jackentasche.

„Ich wollte eigentlich aufhören damit, die Dinger sind echt ekelhaft. Mach niemals den Fehler und fang damit an, nur weil das „cool“ ist, da hast du dein ganzes restliches Leben was von. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.“

„Na hier“, antworte ich auf seine Frage und stecke die Hände in meine Jackentaschen.

„Und davor?“

„Bei Pflegeeltern. Bei den neunten, mittlerweile.“ Andreas pfeift durch die Zähne und runzelt die Stirn.

„Das habe nicht einmal ich geschafft, aber ich habe ja auch den größten Teil im Heim gelebt.“

„Da will ich aber nicht hin“, sage ich und höre selbst die Verzweiflung in meiner Stimme. Ich komme mir vor wie ein kleines Kind, aber das ist mir im Moment egal. Ich will einfach nur, dass alles wieder normal wird, dass ich jemanden finde, bei dem ich bleiben kann und der mir nicht das Gefühl gibt, der Grund zu sein, warum ich überhaupt erst in diese Situation gekommen bin.

„Kann ich verstehen. Aber das ist immer noch besser, als in einem Hochsitz im Wald zu übernachten.“

„Kann schon sein.“

Andreas schmunzelt. „Ich mag dich, Jonathan. Du scheinst ein wirklich netter Kerl zu sein, deshalb würde ich dir gerne meine Hilfe anbieten. Wie wäre es, wenn du heute bei mir zu Hause übernachtest und morgen suchen wir dann nach einer Lösung für dein Problem?“

Ich sehe ihn erstaunt an. „Ist das dein Ernst?“

„Natürlich ist das mein Ernst. Meinst du etwa, ich würde jemanden in deiner Lage auch noch verarschen?“ Ich grinse ihn an. Ich würde ihm so gerne sagen, wie viel mir das bedeutet, aber ich habe einfach keine Worte, die das ausdrücken, was ich gerade fühle. Dass mir jemand wirklich helfen will und mich nicht nur vom einen zum anderen reicht.

„Danke“, sage ich daher und hoffe, dass er versteht, wie viel Gewicht dieses eine Wort im Moment für mich hat.

Er versteht es. „Gerne“, sagt er und lächelt.

 

„Nein, I am Legend ist der beste Film, wie oft denn noch?“, sage ich und spiele den Beleidigten.

„Nein, immer noch nicht. Du wirst schon sehen, wenn wir wieder aus dem Kino raus kommen, wirst du da ganz anders denken, das kann ich dir versprechen!“ Andreas grinst und setzt den Blinker. Wir sind auf dem Weg zum Kino, so einem, in dem irgendwelche Filme aus seiner Jugend gezeigt werden und er hat heute Morgen im Internet gesehen, dass sein absoluter Lieblingsfilm läuft. Er wollte ihn mir unbedingt zeigen und ich habe unter der Bedingung, eine große Portion Nachos zu bekommen, eingewilligt.

Es ist mittlerweile November, in ein paar Tagen fängt die Adventszeit an. Seit knapp zwei Monaten lebe ich nun schon bei Andreas. Er hat mir vorgeschlagen, mich bei sich aufzunehmen. Die Frau vom Jugendamt war anfangs nicht sonderlich begeistert, als sie von dem Vorschlag erfahren hat, angesichts dessen, dass Andreas selbst keine Kinder hat und zudem nicht besonders viel verdient. Aber als Andreas ihr seine Geschichte erzählt hat, und davon, wie wir uns kennen gelernt haben, hat sie schließlich eingewilligt, mich probeweise bei ihm wohnen zu lassen. Das ist jetzt schon eine ganze Weile her und in dieser Zeit ist so einiges passiert. Wir haben viel zusammen unternommen, waren sogar einmal ein Wochenende Zelten. Anne und Jan haben mich auch einmal besucht. Sie haben sich doch nicht getrennt. Das freut mich sehr für die beiden, besonders, da ich schon immer der Meinung war, dass sie eigentlich viel zu gut zueinander passen. Aber ich bin trotzdem froh, dass sie da so ihre Zweifel dran hatten. Denn hätten sie nicht vorgehabt, sich zu trennen, dann wäre ich jetzt nicht hier. Hier, mit Andreas, dem Menschen, der für mich zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder eine Art Vater ist. Der mich versteht, mich unterstützt und verteidigt und mir ab und zu auch mal in den Hintern tritt, damit ich all das, was in mir steckt, auch wirklich zeige. Der Mensch, der mich zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit wieder so richtig glücklich macht.

Vielleicht ist das Leben ja doch nicht so scheiße. Man muss nur wissen, mit wem man es teilt.


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